Bildungszeit

Pit

Oktober 12, 2026

Bildungsurlaub heißt jetzt Bildungszeit und so wird es in dieser Woche auch sein. Wir sind jeden Tag gute 10 Stunden unterwegs und fallen am Abend todmüde ins Bett. Einen riesigen Respekt an Michael, unseren Seminarleiter, der jeden Abend 21:15 Uhr Reflexionsgespräche anbietet, um den Tag Revue passieren zu lassen.

Aber der Reihe nach; wir wollten schon so lange nach Görlitz, die Altstadt wurde in großen Teilen restauriert und so reiht sich Zeitgeschichte an Zeitgeschichte, ein anonymer Spender (? oder Spenderin ?) unterstützte die Stadt 22 Jahre lang mit jährlich 1 Million DM und so erstrahlt sie heute von ihrer besten Seite obwohl die Transformation noch einen langen Weg vor sich hat. Das Forum-Unna bietet viele tolle Kurse, wir buchen die Oberlausitz mit Michael Schicketanz als Seminarleiter.

Die Wetterfee ist uns hold, perfekte Bedingungen für die geplanten Stadt- und Radtouren. Am Montag geht es mit Alena auf Stadterkundung, wir kommen nicht weit, so viel gibt es zu erzählen, alte Verrätergeschichten, Blicke über die Neiße nach Zgorzelec, renovierte und (noch) nicht renovierte Schmuckkästchen, Politik und das “normale” Leben und dann stellt sich noch raus, dass Alena eine “Fexe” ist, ein Mischung aus Fee und Hexe, sehr charmant. Am Nachmittag schwingen wir uns auf die Räder und erkunden den östlichen Teil der Stadt, hier bräuchte es auch ein:e Spender:in, vieles liegt noch brach, dafür werden altpreußische Prunkhäuser renoviert und als Kulturzentrum genutzt. Den Vortrag dort hätte man sich sicherlich sparen können, aber dass Haus ist einen Besuch wert. Weiter geht es, griechische Soldaten im ersten Weltkrieg, ein Strafgefangenenlager, Brücken über die Neiße … Am Abend essen wir im Gambrinus mit Sybille, Andreas und Udo, die anderen aus der Gruppe sind in einem netten Lokal irgendwo im Neubaugebiet verschwunden.

Dienstag geht es zum Bahnhof, Zug nach Bautzen, Michael hat die Ruhe weg, erklärt auf dem Weg noch hier und da Sehenswürdiges, eine Minute vor Abfahrt ist immer noch pünktlich. Auch Bautzen empfängt uns mit Sonnenschein, der erste Programmpunkt ist aber mehr als dunkel. Der Abgrund immer abgrundtief! Wir besuchen den Stasiknast Bautzen II, politische Gefangene der DDR darbten hier gemeinsam mit “normalen” Straftätern und auf Austausch wartenden westlichen Spionen. Wie menschenverachtend wir doch in der DDR unterwegs waren, nach außen hin immer als das bessere D polemisiert, wird hier klar, was es war, eine traurige, kleinkarierte Diktatur. Christof führt uns durch die beklemmenden Gänge, mir gelingt es nicht, Fotos zu machen, man mag ja das Heute kräftig kritisieren, das Gestern will ich niemals zurück!

Am Nachmittag hellt sich meine Laune wieder auf, die Führung durch das sorbische Museum ist großartig. Die junge Frau (Namen leider vergessen) ist selbst Sorbin und kann charmant durch die Geschichte und Gegenwart führen. In Görlitz zurück gehen wir ins Salü essen, es ist bald Mitte Oktober und wir sitzen bei Bier und kleinen Leckereien draußen im Biergarten.

Der Mittwoch ist für mich der spannendste Tag, das liegt hauptsächlich an Gregor (Stadtplaner) und Thomas (ehemaliger Bürgermeister), die mit uns mit einem Enthusiasmus durch Weißwasser radeln , den ich lange nicht erlebt habe. Weißwasser hat ca. 2/3 der Bevölkerung verloren, extremistische Parteien haben hier viel Zulauf, ohne zu erklären, wie es wohl besser geht und trotzdem sind die beiden am Start, als wenn das goldene Zeitalter kurz bevorsteht, Respekt! Wir sehen die zwei Seiten der Stadt, Tagebau auf der einen, den Geopark “Muskauer Faltenbogen” auf der anderen.

Und da eine solche Tour für ein Tagesprogramm zu wenig scheint 🙄 (ich wäre gerne noch in WSW geblieben), steigen wir auf der Rückfahrt in Rietschen aus, um der “Umweltbildungsstelle Wolf” einen Besuch abzustatten. Dabei wäre das hier einen ganzen Tagesausflug wert. So sitzen wir bei lecker Kuchen zusammen und hören die Geschichte der Wölfe, die jetzt endlich wiederkommen. Das Museum schaffen wir nicht mehr, wir brauchen mehr Zeit! Auf dem Rückweg entdecken wir noch eine Villa im Tiefschlaf … ja, wenn man Zeit und Geld hätte … ein wahres Schnäppchen im Kauf.

Am Abend nochmal im Salü, diesmal mit einem großen Teil der Gruppe, die sich alle als außergewöhnlich nett und gut gelaunt herausstellen, die Chemie stimmt, hat man ja auch selten.

Donnerstag ist die Woche schon fast vorbei und wir fahren nach Zittau. Hier nehmen wir das Auto, wir wollen flexibler sein, es gibt Schienenersatzverkehr. Ein Urgestein der friedlichen Revolution 1989 führt uns durch die Stadt. Es ist OK, er hat seine kirchliche Brille auf, man muss nicht mit allem einverstanden sein, aber es ist spannend die Zeit zurückzudrehen und großartig, dass alles weitgehend friedlich abgelaufen ist. Noch schnell ein Vortrag und Gespräch mit dem Referenten des Oberbürgermeisters und schwups ist der Tag rum. Auf dem Rückweg finden wir “Lost Places”, hier in Zittau ist längst nicht so viel renoviert, vieles wird wohl vergebens warten, von ehemals 41.000 Einwohner:innen sind auch nur noch 25.000 da.

Am Freitag noch kurz ein Besuch im Görlitzer Projekt “Modellvorhaben RABRYKA: Jugendkultur und Jugendbeteiligung”. Was gibt es hier für riesige Flächen zu bespielen! Wir geben Feedback für die Woche und verabschieden uns schnell, wir wollen nach Dresden in die Oper, nehmen noch Luise und Uwe mit zum Bahnhof.

Am Abend in der Oper. Carmen wird gegeben, 3 Stunden 10 Minuten 🤪, da wird es auf den Sitzen unbequem. Das Orchester und die Sänger:innen sind wunderbar, die Inszenierung doch sehr bemüht, man versucht in einem Libretto aus dem 19. Jahrhundert weibliches Empowerment zu finden, doch über den Text ist dann doch die Zeit gegangen, die Musik hingegen rockt auch heute noch.

Görlitz & Umgebung, 04. Oktober – 10. Oktober 2026